Gefühlswelt
Durch dick und dünn

Als pummeliger Teenager hat man es nicht immer leicht. Und gerade diese Jahre haben mich in meiner Sicht auf die Welt und meine Mitmenschen sehr geprägt. Diese Zeit hat diejenige aus mir gemacht, die ich heute bin. Aber auch die Abnahme von über 50 Kilo und die Wiederherstellungsoperationen haben noch einmal einiges verändert. Heute soll es mal nicht um die körperliche Gesundheit in Zusammenhang mit dem Gewicht und Gewichtsveränderungen gehen, sondern um die Psyche. 

 

Eines vorweg: ich maße mir nicht an, zu wissen, wie es anderen Menschen mit ihrem Körper geht, egal ob dick, dünn oder irgendetwas dazwischen. Mir ist klar, dass viele Menschen aus verschiedensten Gründen schlecht behandelt werden, und jeder empfindet das anders und geht anders damit um. In diesem Beitrag geht es nur darum, wie es für mich persönlich war/ ist, ich zu sein – durch dick und dünn.

 

 

20 Jahre “die Dicke”

Als Teenager war ich gar nicht so dick. Zumindest nicht im Vergleich zu später. Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich glaube, ich wog so um die 70 Kilo bei 1,67 cm. Aber im Vergleich zu meinen Klassenkameradinnen war ich eben schon die dickste. Ich wurde deshalb viel geärgert und hatte nur wenige echte Freundinnen – besonders in der 7. bis 10. Klasse. Die Mädchen und Jungen, die mich geärgert haben, waren überwiegend hübsch, sportlich, selbstbewusst und beliebt. Ich hingegen wurde immer mehr zur Außenseiterin und fühlte mich am wohlsten, wenn ich alleine war. 

Nach der 10. Klasse wechselte ich die Schule und es wurde ein wenig besser. Trotzdem ging ich selten aus, redete ungern mit anderen und blieb lieber für mich. Deshalb fiel es mir schwer, an der neuen Schule Anschluss zu finden. Ausgerechnet die erste Person, der ich dort vertraute, lästerte hinter meinem Rücken über mich und tratschte Dinge weiter, die ich ihr im Vertrauen erzählt hatte. Ich fühlte mich verraten und begann zunehmend, Menschen im Allgemeinen zu misstrauen – ganz besonders, wenn sie schlank und gutaussehend waren. Ich ging automatisch davon aus, dass sie mich nicht leiden können und schlecht über mich reden.

 

 

       

Bilder, die ich als Teenager gemalt habe
(Fotos von mir aus dieser Zeit gibt es leider kaum, aber ich denke, diese Bilder geben meine Gefühlswelt von damals gut wieder.)

 

 

Auch in Sachen Liebe standen mir meine bisherigen Erfahrungen im Weg. Eine Beziehung sabotierte ich zum Beispiel selbst, weil ich dachte, die Person sei zu gut für mich und sie würde es am Ende bereuen, sich für mich entschieden zu haben. Eine längere Beziehung hatte ich mit einem Choleriker, der mich klein hielt, mich anschrie und Dinge nach mir warf. Und obwohl das ja ganz offensichtlich kein Mensch war, der mir gut tat, war es gar nicht so leicht, da heraus zu kommen. Mir fehlten lange das Selbstbewusstsein und die Kraft dazu.

 

Etwas besser wurde es erst, als ich meinen heutigen Mann kennenlernte. Er zeigte mir immer wieder, dass er mich so liebt, wie ich bin. Und auch das Bloggen hat mir geholfen, mich nicht mehr ganz so klein zu fühlen. Dabei muss man niemanden persönlich treffen, kann sich trotzdem nett unterhalten und bekommt auch mal positives Feedback.

Dennoch blieb ich zurückhaltend anderen Menschen gegenüber und machte mir viel zu viele Gedanken darüber, was andere über mich denken könnten. Ich hielt mich stets im Hintergrund, wollte bloß nicht auffallen und sagte immer wieder Einladungen zu Geburtstagen und Veranstaltungen ab, um niemandem begegnen zu müssen.

 

 

2015 – wenige Monate bevor ich mit dem Kalorien zählen begann

 

Plötzlich schlank – oder sowas

Inspiriert von einer Freundin kriegte ich 2016 endlich die Kurve – mit inzwischen ca. 111 kg. Mit der Unterstützung meines Mannes, Kalorien zählen und etwas Sport innerhalb von zwei Jahren mehr als 50 Kilo ab. Es folgten außerdem drei Wiederherstellungsoperationen wegen der vielen überschüssigen Haut, einmal am Bauch und zweimal an den Beinen.

 

Innerhalb von ca. zwei Jahres hat sich mein Äußeres komplett geändert. Statt 50 – 54 trage ich inzwischen Kleidergröße 34/36 und mein BMI hat sich beinahe halbiert. Trotzdem tue ich mich etwas schwer damit, mich selbst als “schlank” zu bezeichnen. Es ist ein Wort, welches sich in Bezug auf mich selbst für mich noch immer irgendwie komisch anhört. Ich sage lieber “Ich bin nicht dick.”. Mein Körper wird einfach niemals so straff und makellos sein wie der von jemandem, dessen Körper niemand so große Gewichtsschwankungen durchgemacht hat. Aber das ist okay. Man kann die Vergangenheit nicht ändern und es bringt nichts, sich damit aufzuhalten.

 

Hin und wieder ertappe ich mich zwar noch bei ähnlichen negativen Gedanken, wie ich sie früher hatte – so etwas lässt sich nun mal nur schwer von heute auf morgen abstellen und jeder hat mal einen schlechten Tag – insgesamt bin ich aber um Welten glücklicher. Ich bin zufrieden mit meinem Körper wie nie zuvor, fühle mich deutlich freier, habe nicht mehr das Bedürfnis, mich oder meinen Körper vor anderen zu verstecken und mache mir nicht mehr ständig Gedanken darüber, was andere über meinen Körper denken könnten. Auf meinem Instagram-Account zeige ich mich inzwischen wesentlich öfter als früher und mein Interesse an Mode ist deutlich gewachsen. Ich liebe es, neue Stile auszuprobieren. Vorbei sind die Zeiten, in denen ich kaum etwas anderes als Jeans und kaschierende schwarze T-Shirts trug.

Mir wurde sogar schon gesagt, ich sei mit der Abnahme auch viel netter geworden. Ich glaube, das liegt daran, dass man meine frühere Zurückhaltung auch leicht als Ablehnung oder Arroganz missinterpretieren konnte. Nun gehe ich einfach viel offener auf andere Menschen zu und habe keine Angst mehr, in Gespräche verwickelt zu werden oder auch mal selbst die Initiative zu ergreifen.

 

 

       

 

 

Mir ist heute absolut bewusst, dass ich mich niemals so mies hätte fühlen müssen. Ich war auch vor der Abnahme in Ordnung, wie ich war. Und mein Äußeres ist und war schon immer ganz allein meine Sache und geht niemanden etwas an. Aber ich habe mich eben nicht gut gefühlt, auch, wenn das in Zeiten von #bodypositivity sicherlich keine sehr populäre Aussage ist. Die Hauptsache jedoch ist, dass ich mich jetzt gut fühle. Und ich wünsche jedem, dass er es ebenfalls schafft, mit sich selbst Frieden zu schließen.

 

Übrigens erschien gerade erst vor wenigen Tagen ein lesenswerter Artikel von Anna Frost zum Thema Selbstliebe nach der Schwangerschaft. Hier geht es zwar nicht um Mobbing, dafür aber darum, sich selbst zu akzeptieren, wenn sich der Körper plötzlich verändert – und dass das eben nicht immer so einfach ist.

 

Melanies Unterschrift12
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8 Kommentare

  1. Nicole
    10. Februar 2019 / 11:48

    Ich bin bis heute mit Kleidergröße 54 durchaus ziemlich mopsig. In meiner Teenagerzeit war es durchaus auch etwas harmloser, aber auch damals war ich schon auf immer mindestens 90 Kilo. Damit hatte ich allerdings auch “nur” Kleidergröße 44. Ich war immer ein sehr beliebtes Mädchen und gehöre bis heute (jetzt inzwischen auf der Arbeit) zu den “coolen Kids” wie mein Kollege immer so schön sagt. Ich hatte nie Probleme Männer kennen zu lernen oder Freunde zu finden. Ich möchte das einfach mal schreiben weil ich auch einmal schildern möchte das es auch anders geht. Er fällt mir schwer auszumachen woran das liegen könnte. Kann es “nur” mein immer sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein gewesen sein? Liegt es daran das ich ansonsten durchaus sehr hübsch bin? Ich kann es nicht sagen…
    Ja, ich habe ansonsten sehr hübsch geschrieben, da natürlich auch ich immer lieber schlank gewesen wäre. Die tollen Klamotten, Bikinis tragen, im Sommer kurze Röcke etc..
    Zudem macht es wirklich gesundheitlich eine große Menge aus. Jetzt wo ich älter werde beginnen auch die ersten Problemchen. Aus diesem Grund werde ich auch nun endlich mal etwas für meine Figur tun. Denn vielleicht ist genau das der Nachteil wenn es so gut läuft wie bei mir mit der Akzeptanz. Man tut nichts dagegen das man immer moppeliger wird.

    • 10. Februar 2019 / 11:54

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar! Ja, es kann natürlich auch ganz anders laufen. Ich hatte damals auch eine Klassenkameradin, bei der ich den Eindruck hatte, dass sie “trotz” ihrer Figur weniger gemobbt wurde als ich und damit auch viel besser umging. Sie hatte zum Beispiel auch ein ausgeprägteres Selbstbewusstsein als ich.
      Trotzdem dachte ich, es ist vielleicht mal ganz interessant zu sehen, was Mobbing anrichten kann und wie es dann ist, aus diesem selbstgebauten “Gefängnis” auszubrechen. 🙂
      Viele liebe Grüße und einen schönen Sonntag!
      Melanie

  2. Lia
    10. Februar 2019 / 16:41

    Liebe Melanie,
    Vielen Dank für deine ehrlichen Worte. Ich kann mich absolut wiederfinden, in dem was du schreibst. Menschen meiden, bloß nicht auffallen und absolut nicht vorhandenes Selbstbewusstsein – es grenzt wirklich schon an Selbsthass bei mir. Leider hab ich nicht rechtzeitig die Kurve gekriegt und wiege wirklich zuviel – knapp 120kg. Leider hab ich bis jetzt auch noch nicht wirklich viel Unterstützung bekommen, wenn ich zB meiner Familie erzähle ich hätte vor abzunehmen kommt nur “das hälst du doch eh nicht durch” oder “du hast zwar ein hübsches Gesicht, aber so dick wie du bist will dich trotzdem keiner”. Das tut weh und demotiviert unglaublich.
    Habe mich nun endlich getraut mir professionelle Hilfe zu holen und habe jetzt in 2 Monaten 6kg abgenommen – immerhin ein Anfang und auch psychisch geht es mir deutlich besser.
    Ich freue mich so sehr für dich dass du in deinem Mann jemanden gefunden hast der dich so unterstützt und liebt wie du bist – auch als du noch 50kg mehr hattest.
    Danke und liebe Grüße

    • 11. Februar 2019 / 16:45

      Liebe Lia,
      vielen Dank für die netten Worte! Ich wünsche dir sehr, dass du Unterstützung findest. Wirklich traurig, wenn das Umfeld einem nichts zutraut. Aber um so besser, dass du es jetzt allen zeigst! 6 Kilo in zwei Monaten sind klasse und ein absolut gesundes Tempo. Weiterhin viel Erfolg!
      Liebe Grüße!
      Melanie

  3. Birgit
    10. Februar 2019 / 22:16

    Hallo liebe Melanie,

    auch als dicke Frau fand ich Dich hübsch anzusehen aber es ist schon so dass man beweglicher ist wenn die Kilos purzeln- ich hatte Dir vor geraumer Zeit geschrieben dass auch ich vor habe abzunehmen und das Teilen Deiner Geschichte hat mich den Versuch wagen lassen und nicht gleich wieder aufzugeben.

    mit meinem Mann habe ich über Deine Tipps gesprochen und er unterstützt mich- zu Beginn diesen Jahres brachte ich noch 99,4 Kg auf die Waage heute blieb sie bei 93,1 stehen- manchmal bin ich ungedulig weil es so langsam geht aber Deine Blogbeiträge machen mir immer wieder Mut nicht aufzugeben.

    ich bin Dir für Deine Offenheit sehr dankbar und was ich auch noch sagen möchte diese Farbkombi mit orange/schwarz ist sooo schön- wenn ich die 90 Kg Marke knacke, werde ich mir (nicht zu teuer) auch etwas in orange zulegen 😉

    ganz lieben Gruß, Birgit

    • 11. Februar 2019 / 16:46

      Danke, liebe Birgit! Und herzlichen Glückwunsch zu deinem Erfolg! Ich drücke dir die Daumen, dass es weiter so gut voran geht! 🙂
      Liebe Grüße!

  4. Silvia Arto
    12. Februar 2019 / 23:24

    Liebe Mel, ich kann nur meine Bewunderung ausdrücken. Du bist einen langen Weg konsequent und beharrlich gegangen, was ganz wunderbar ist. Neben dem Körper, braucht, wie Du ganz richtig beschreibst, auch die Seele oder Psyche eine gute Pflege. Ich wünsche Dir, dass Du auch dafür einen guten Weg findest
    Liebe Grüße Silvia

    • 14. Februar 2019 / 15:14

      Liebe Silvia,
      vielen lieben Dank! 🙂
      Ganz viele liebe Grüße
      Melanie

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